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22.11.2014
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Lexikon

4. Der Friedhof im Lauf der Geschichte
erfasst von Redaktion 

Im Laufe der Geschichte durften Juden in der Diaspora keinen Grundbesitz innehaben bzw. erwerben, daher wurde der öffentliche Friedhof der übliche Bestattungsort. Der Erwerb von Boden für einen jüdischen Friedhof war immer mit Schwierigkeiten verbunden. Oft war es notwendig, dafür lange zu kämpfen.
So besaßen viele jüdische Gemeinden keinen eigenen Friedhof und mußten ihre Toten bei benachbarten Gemeinden bestatten.
Der Friedhof der Gemeinde Regensburg diente anfänglich der gesamten Region Oberpfalz und Niederbayern - man kann sich die Dauer und die Mühen eines Transportes zur Beerdigung vorstellen.
Für die Rheinlande und Westfalen hatte der Kölner Friedhof vermutlich bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts die Funktion einer zentralen Begräbnisstätte.

Die zentrale Idee "Ruhen in Frieden" der Glaube an die Auferstehung und die daraus hergeleitete Notwendigkeit des ewigen Ruherechtes veranlaßten die jüdischen Gemeinden, das Friedhofsgelände für die Ewigkeit und nicht auf Zeit begrenzt zu erwerben.
Deswegen konnte häufig nur unzugängliches"Gelände, das für eine anderweitige Nutzung nicht geeignet bzw. interessant schien, erworben werden.

Bei Notfällen, wie der Enteignung des Friedhofsgeländes, wurden die Gebeine und die Grabsteine an eine andere Stelle überführt.
Wo Friedhöfe verschwunden sind, geschah dies immer nur dann, wenn keine Gemeinde zurückgeblieben war.

Die ältesten Friedhöfe Europas stammen aus dem Mittelalter und befinden sich in Prag, Worms, Mainz, Köln und Ulm.
Alle anderen mittelalterlichen Friedhöfe sind verschwunden; sie sind, wie so viele jüdischen Gemeinden, das Opfer der gegen die Juden gerichteten Verfolgung geworden.

Den mittelalterlichen Friedhöfen war gemeinsam, daß sie außerhalb der Stadtmauern lagen, während sich die christlichen überwiegend in unmittelbarer Nähe der Kirchen befanden. Zum einen verlangte jüdisches Recht die Anlage des Friedhofs außerhalb der Mauern, zum anderen kam darin die seit Jahrhunderten, vor allem seit den Kreuzzügen und den Pestjahren latent vorhandene Judenfeindschaft zum Ausdruck.
Die Juden des Mittelalters mußten noch dankbar sein, wenn sie einen Begräbnisplatz im Stadtgraben erhielten.

Wenn im Mittelalter eine Stadt die in ihren Mauern lebenden Juden vertrieb, weil sie nicht länger gebraucht wurden oder weil sie am wirtschaftlichen Niedergang schuldig schienen, verfiel ihr gesamter Besitz den Städtern oder anderen sich darum streitenden Herren.
Die Häuser wurden konfisziert, die Synagogen abgerissen oder zu Kirchen umgewandelt. Die Friedhöfe ebnete man ein und verwendete die Grabsteine als Baumaterial.
So bestehen noch heute manche Bürgerhäuser der Regensburger Altstadt aus einigen jener 5000 Steine, die 1519 vom Friedhof entwendet wurden. Keine neunzig davon sind heute noch bekannt oder vorhanden. Auch aus anderen Städten sind solche Vorkommnisse bekannt, wo, dank der Zweckentfremdung, mittelalterliche Grabsteine in die heutige Zeit gerettet werden konnten.
So war ein Teil des mittelalterlichen Kölner Friedhofs in Schloß Lechenich am Niederrhein verbaut, ein anderer Teil trägt den Turmhelm der Burg Hülcherath zwischen Neuß und Grevenbroich. Diese Steine sind der Forschung bis heute kaum zugänglich.

Auch das älteste noch erhaltene Grabsteinfragment Westfalens ist auf gleiche Art und Weise erhalten geblieben. Es ist auf den 25. Tamus 5084, d.i. der 18. Juli 1324 datiert. Bei Bauarbeiten im unteren Teil des Kirchturms der Lambertikirche in Münster fand man 1887 einige Steine, die als jüdische Grabsteine identifiziert wurden. Sie stammten vom ersten jüdischen Friedhof.
Die jüdische Gemeinde von Münster und auch ihr Friedhof fielen den großen Pogromen in der Zeit des "Schwarzen Todes" der Pest, um 1350 zum Opfer. Die in der Lambertikirche gefundenen Steine wurden später im Landesmuseum für Kunst und Kultur aufbewahrt, wo während des Zweiten Weltkriegs fast alle Steine bei Bombenangriffen zerstört wurden.
Ein einziges Fragment ist erh"lten geblieben und steht seit vielen Jahren auf dem um 1811 angelegten neuen jüdischen Friedhof.

Das 20. Jahrhundert brachte mit der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten die totale Entrechtung, Verjagung, Deportation und Ermordung der deutschen und meisten mitteleuropäischen Juden.
Mit bisher nicht gekannter Radikalität und Totalität wurden die Menschen beraubt und ermordet. Die Friedhöfe blieben zunächst vielfach unbehelligt. Erst als die Menschen "abgewandert worden waren" wie es manchmal hieß, traten die Friedhöfe in den Blick der Verwaltungen und drohten eingeebnet zu werden.
Hätte das NS-Regime nur einige Jahre länger bestanden, gäbe es heute wahrscheinlich keine jüdischen Friedhöfe mehr. So sind zwar viele Friedhöfe der nationalsozialistischen Zerstörungswut zum Opfer gefallen, kaum ein Friedhof ist gänzlich unangetastet geblieben, doch Schändungen gab es hundertfach vor 1933 und gibt es hundertfach seit 1945.
Anders als im Mittelalter haben immerhin nach Schätzungen ca. 1600 Friedhöfe, mehr oder weniger stark beschädigt, jene Jahre überstanden.

Seit Mitte der fünfziger Jahre werden die jüdischen Friedhöfe nun offiziell geschützt. Ihre Pflege durch Kommunen und Länder ist gesetzlich geregelt. Doch zuweilen nützt auch dieser Schutz nichts, wenn die Pflege zu "gut entliche und gut arrangierte Aufstellung. Die meisten Friedhöfe zeigen uns daher nicht mehr ihren ursprünglichen Zustand.
Auch tragen viele Steine Inschriftenplatten, die bei der Wiederherstellung als Ersatz für zerstörte angebracht wurden, mit z.T. anonymen Inschriften (wie "Hier ruht ein jüdischer Mensch"."

Inzwischen werden viele Friedhöfe nicht mehr als unangenehme Erinnerung, als "Altlast die Friedhöfe auch heute noch ihre Funktion. Sie sind die Ruhestätten der Toten. Sie sind "lebendige am Ende der Tage

Vor der Vernichtung des jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten gab es vielfach getrennte Friedhöfe für die einzelnen Strömungen im Judentum: für Orthodoxe oder für Liberale.
Die wenigen Überlebenden des Dritten Reichs fanden sich nach 1945 ungeachtet ihres religiösen Standorts zusammen und bildeten, wegen ihrer geringen Zahl, sogenannte Einheitsgemeinden. Entsprechend werden die heutigen Friedhöfe von allen religiösen Richtungen genutzt.
Quelle: Quelle: http://www.pomoerium.de/archiv/varia/ridder1.htm
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