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20.08.2014
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Lexikon

Dockensteine
erfasst von Redaktion 

Die Dockensteine Südthüringens
Von Roland Graf
Fragmentierte Bildstöcke des 15./16. Jahrhunderts ?

Fast ein Jahrhundert hindurch bewegt von Zeit zu Zeit ein ganz bestimmtes Thema die Heimatforscher in Mitteldeutschland. Es ist die Frage nach der historischen Bedeutung der Südthüringer Dockensteine, von denen heute noch vier bekannt und zum Teil fragmentarisch erhalten sind.

Unter dem Begriff "Docke" versteht man in der Flurdenkmalforschung einen oktogonal, zum Teil nur abgefast gearbeiteten, monolithen Sandsteinpfeiler von ca. 1,5 Metern Höhe, der oben mit einem verdickten, kapitellartigen Abschluß endet. Der Pfeiler steht eingetieft in einer monolithen Fundamentplatte, ebenfalls aus Sandstein.

Die Herkunft der Bezeichnung "Docke" läßt mehrere Interpretationen zu. So wäre sie abzuleiten von der Getreidedocke (Getreidepuppe), vom gleichnamigen Garnmaß oder vom Rohling der Spielzeugdocke (Spielzeugpuppe) . Letzteres dürfte dabei am wahrscheinlichsten sein, da in Südthüringen die Spielzeugindustrie, speziell die Puppenherstellung, beheimatet ist und die Form der Flurmale dem Holzrohling einer Puppe (Docke) sehr nahe kommt.

Die verschiedenen Aussagen über die historische Bedeutung dieser - nur in Südthüringen unter diesem Begriff bekannten - Steine sind stark voneinander abweichend, ja konträr.

So stellt Emil Plat [1] im Mainboten von Oberfranken 1934 in seinem Beitrag "Was die alten Steinkreuze erzählen" die Dockensteine in die Reihe der Steinkreuze und Kreuzsteine. Die z. T. von den heutigen Wegen entfernten Aufstellungsorte bringt er mit der Verlegung bzw. der Verödung alter Wege und Straßen in Verbindung. Er schließt dabei aus, daß die Errichtung von Steinkreuzen ausschließlich auf Sühneverträge, auf Mord oder Totschlag zurückzuführen ist, sondern man hat solche Kreuze auch aus Verehrung oder als Erinnerungsmal für weltliche Ereignisse oder an Stätten abgetragener Kapellen oder als Grenzmarken gesetzt. Eine, in der Zwischenzeit von der Flurdenkmalforschung nachgewiesene, richtige Feststellung.

In seinem Beitrag benutzt er nicht die Bezeichnung Docke, sondern betitelt die Gruber Docke im Bildteil als Kelchkreuz.

Dr. Richard Künstler veröffentlicht 1979 in der wissenschaftlichen Schriftenreihe "Das Kleindenkmal" folgendes [2] :
Im Sonneberger Land gibt es einige merkwürdige Flurdenkmale, deren Bedeutung bis heute noch nicht restlos geklärt werden konnte. Es handelt sich dabei um aufrechtstehende, etwa 1,20 bis 1,50 Meter hohe, vierkantige, gewöhnlich abgefaste Steinsäulen, die sich nach oben kelchartig oder kopfähnlich zu einer Deckplatte mit einer muldenförmigen Vertiefung erweitern. Sie werden ihres puppenähnlichen Aussehens halber dortzulande "Docken" genannt und allgemein als "Wallfahrtssteine" bezeichnet, weil sie an alten Wallfahrtswegen nach Stelzen, einem mittelalterlichen Wallfahrts- und Gnadenort an der Itzquelle stehen. (Welchendorfer und Gruber Docke bei Bachfeld, Kreis Sonneberg sowie die Stelzener Docke im Kreis Hildburghausen)
Auch in den jenseits der Grenze liegenden coburgisch-fränkischen Gebieten soll es noch solche Docken geben. Die Frage ist nur, ob diese Steine tatsächlich Haltestationen auf der Wallfahrt kennzeichnen sollten, oder ob sie möglicherweise als frühe Grenzmarkierungen anzusehen sind. Bildstöcke im eigentlichen Sinne können sie kaum gewesen sein.

Nicht zutreffend ist die Feststellung Künstlers, daß alle Deckplatten (Kapitelle) muldenartige Vertiefungen aufweisen. Nur die Gruber Docke hat eine solche, 4 cm eingetiefte Mulde mit einem Durchmesser von ca. 20 cm.

Weiterhin muß richtiggestellt werden, daß es im coburgisch-fränkischen Raum keine derartigen Steine mit der Bezeichnung Docke gibt.

Unter der Überschrift "Seltene Flurdenkmäler" schreibt Horst Stieler 1985 [3] :
Unter den Flurdenkmälern nehmen die Docken im südthüringischen Raum einen besonderen Rang ein. Sie haben den Namen nach den Getreidedocken (auch Getreidepuppen) früherer Zeiten, denen sie ähnlich sehen. Sie sind zudem einmalig auf dem Boden der DDR. Von diesen Säulen gibt es noch vier Exemplare. Trotzdem werden noch heute ernsthafte Forschungen der Bodendenkmalpflege, z.B. zur eindeutigen Feststellung ihrer ursprünglichen Bestimmung und historischen Bedeutung unternommen.

Unsere so seltenen Docken stammen alle aus der vorreformatorischen Zeit, d.h. sie sind mindestens 500 Jahre alt. Unter den Heimatforschern unserer Generation gilt es als erwiesen, daß sie Wegemarkierungen, Rastplätze, Gebetsorte, Opferstätten und Orientierungssteine kennzeichnen, die an alten Pilger- und Wallfahrtswegen standen.

So sehr wir uns auch bemüht haben, durch neue Forschungen am Objekt, in der umgebenden Landschaft und in der Literatur weitere Erkenntnisse über die Herstellungsweise, das genaue Alter und sämtliche Aufgaben dieser seltenen Flurdenkmäler zu erlangen, so wenig ist uns dies letzten Endes gelungen.

Wir rechnen es aber unserer ständigen Arbeit mit diesen Denkmälern zugute, daß wir einwandfrei feststellen konnten, daß es sich keinesfalls um irgendwie geartete Sühnezeichen oder sogenannte Martersteine handelt. In der mündlichen Überlieferung war dies hin und wieder behauptet worden.

In einer weiteren Veröffentlichung 1990 schreibt der gleiche Verfasser über das Vorhandensein von Docken [4] :
"Ob es in Oberfranken selbst noch Docken gibt ist mir nicht bekannt. In der Umgebung von Bayreuth soll es aber noch ähnliche Docken geben".

Hierzu sei festgestellt, daß in den Landkreisinventaren von Coburg, Kronach, Stadtsteinach, Rehau, Pegnitz, Kulmbach, Bayreuth, Bamberg, Schweinfurt und Würzburg kein einziges Flurmal dieses Typs nachzuweisen ist.

Frank Störzner bemerkt in seinem Inventar über Flurmale der Bezirke Gera und Suhl [5] :
Als südthüringische Besonderheit sind hier vier ebenfalls bildstockähnliche Denkmale einzureihen, die sowohl im Volksmund als auch in der Fachliteratur Docke genannt werden. Dieser Begriff wird auch für ein Garnmaß, Spielpuppe und Getreidepuppe gebraucht. Es handelt sich hier jedoch um etwa 100 - 175 cm hohe gedrungene Steinsäulen, die sich oben kelch- oder kopfförmig erweitern und mit dem Fuß in eine Steinplatte eingelassen sind. Übereinstimmende mündliche Überlieferungen sowie Standortvergleiche berechtigen zu der Annahme, daß es sich um Markierungssteine (im weitesten Sinne) an einem aus Bayern kommenden alten Pilger- und Wallfahrtsweg (etwa als Orientierungssteine an Rast- und Andachtsorten, nicht aber um Opferstätten) handelt. Stieler 1985a) .

Störzner bemerkt, daß die älteren Leute dieser Gegend aus dem Munde ihrer Vorfahren vernommen hätten, daß an diesen Docken die Wallfahrer rasteten und beteten.

Nachdem bis heute wegen fehlender Urkunden kein Nachweis über die Herkunft bzw. über die historische Bedeutung der Docken geführt werden kann, wird in diesem Beitrag der Versuch unternommen, zumindest die formale Zuordnung zu klären und den Beweis anzutreten, daß es sich bei den südthüringischen Docken im weitesten Sinne um fragmentarisch erhaltene Bildstöcke des 15. / 16. Jahrhunderts - im nordfränkischen Gebiet als Martern bezeichnet - handelt.

Gestützt wird die Feststellung durch zwei sich ergänzende, bislang in der Forschung nicht genügend beachtete, jedoch fundamentale Fakten:

(I) Die typologische Gegenüberstellung von Dockensteinen und Bildstöcken.

(II) Das bei den Docken erwähnte Gebet u. a. von Wallfahrern.

(I) Typologische Gegenüberstellung von Dockensteinen und Bildstöcken im 15./16. Jahrhundert

Der Brauch des "Bildstockstiftens" kann für Franken lückenlos über sieben Jahrhunderte bis heute nachgewiesen werden. Zu den ältesten erhaltenen Bildstöcken zählen u. a. die gotische Marter in Naisa, Lkr. Bamberg, von 1350 und die Wettermarter von Dörfleins bei Bamberg aus dem Jahre 1361. Eine größere Anzahl an Bildstöcken hat sich im europäischen Bereich aus dem 15./16. Jh. erhalten, die geeignet sind, Vergleichsmöglichkeiten zu den Docken anzustellen. [6])[7])[8])[9]

Alle vier Docken besitzen bzw. besaßen einfache Kapitelle, wie es bei den zeitgleichen Bildstöcken des 15./16. Jhs. der Fall ist. Auch am stark zerstörten Stein in Welchendorf sind drei parallel zum Schaft stehende kleine Flächen festzustellen, die als Überreste des Kapitells anzusehen sind.

Maße der Kapitelle:
Stelzen 41 x 33 x 20 cm
Grub 36 x 36 x 22 cm
Schalkau 32 x 32 x 28 cm
Welchendorf in etwa die gleichen Maße wie Grub.

Bislang unerwähnt und deshalb auch unbeachtet geblieben sind an der Stelzener Docke vier, an den Unterkanten des Kapitells zum Schaft hin auslaufende Eckstützen von 25 cm Länge, die auch an der Gruber Docke, wenn auch stark abgewittert, nachgewiesen werden können. Bei der Welchendorfer Docke darf man sie vermuten. Dieses Detail, welches selbst in den Beschreibungen der umfangreichen europäischen Bildstockinventare gerne verschwiegen wird, jedoch in den angefügten Bildteilen erkennbar ist, ist gelegentlich auch an den Bildstöcken dieser Zeit zu finden.

Wenden wir uns einer Betrachtung der Schäfte zu. Der Schaft der Stelzener Docke bildet ein gleichförmiges Oktogon - ein Achteck also mit 12 cm breiten Fasenflächen. Grub und Welchendorf hingegen sind als ungleichmäßig oktogonal gefaste Pfeiler zu bezeichnen mit Fasenbreiten von 5 bzw. 8 cm. Die Schalkauer Docke besitzt einen runden Säulenschaft von 30 cm Durchmesser und erweckt den Eindruck, daß dieser nachträglich grob abgespitzt wurde und für eine Aussage nicht gewertet werden kann.

Typologische Untersuchungen von datierten Bildstöcken haben ergeben, daß die Form des gleichförmigen Oktogons mit ca. 20 cm breiten Flächen in die Entstehungszeit um 1400 zu datieren sind. Kleinere Flächen in Form von Kantenfasungen am rechteckigen oder quadratischen Schaft verweisen auf eine jüngere Entstehungzeit, also den Zeitraum von ca. 1420 bis 1500. Diese beliebte Stilform des abgefasten Schaftes findet man bis Ende des 17. Jhs. und wiederum in der Neugotik.

Bislang völlig unerwähnt geblieben ist der verstärkt angedeutete Sockelteil an der Stelzener Docke. Dieser ist, wie der Schaft, gleichmäßig achteckig gearbeitet und weist Flächen von 14 cm Breite auf. Der Sockel ist am Ende zurückgearbeitet und nur mit diesem Endstück in die ca. 7 cm tiefe Aussparung der Fundamentplatte eingesetzt. Auch diese Architekturteile sind zeitgleich an den Bildstöcken vorhanden.

Höhenmaße der Docken:
Stelzen 160 cm
Welchendorf 135 cm
Grub 125 cm
Schalkau 60 cm

Von den abweichenden Höhenmaßen der erhaltenen Docke in Stelzen gegenüber den drei stark in Mitleidenschaft gezogenen Docken von Grub, Welchendorf und Schalkau läßt sich unschwer ableiten, daß die letztgenannten im Sockelbereich abgebrochen sind.

Beweis hierfür sind auch die größeren Aussparungen in den Fundamentplatten, in denen einstmals die etwas stärkeren Sockel Aufnahme fanden. Sie waren ca. 25 cm tief in die Fundamentplatten eingetieft. Das Schaftmaß der Gruber Docke beträgt 25 x 25 cm. Die unregelmäßig gearbeitete Aussparung in der Fundamentplatte hingegen mißt 35 x 38 cm.

Die Verwendung von Fundamentplatten ( in Franken auch als "Kasten" bezeichnet) ist zeitgleich bei den Bildstöcken und Steinkreuzen anzutreffen und bei den Bildstöcken bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar.

Nicht zu vernachlässigen ist das gleiche quadratische Fundamentmaß von ca. 94 x 94 cm bei den Docken von Grub, Welchendorf und Schalkau im Gegensatz zu Stelzen mit ca. 75 x 75 cm. Die gleichen Maße der drei Fundamentsteine sind vermutlich kein Zufall, sondern ein Hinweis darauf, daß die Aufstellung dieser drei Docken zeitgleich geschehen ist. Diese Gleichheit der Fundamentsteine stützt zudem das formale Gesamterscheinungsbild der drei genannten Docken. Im Gegensatz dazu ist die breite Fasung des Schaftes an der etwas älteren Stelzener Docke mit dem größeren Fundamentstein zu sehen.

(II) Das bei den Docken erwähnte Gebet u. a. von Wallfahrern.

Ein grundlegendes Indiz für die Bildstocktheorie sieht der Verfasser in der mündliche Überlieferung, die davon spricht, daß die Menschen an den Docken im Gebet verweilten. Bereits im Jahre 1978 suchte er deshalb unter "erschwerten Bedingungen" die Stelzener und Welchendorfer Docke auf, um diese Aussage zu überprüfen. Nachdem ein Aufsuchen der Gruber Docke wegen der damals bestehenden politischen "Schutzzone" nicht möglich war, führte er eine Befragung in den Häusern der Hauptstraße in Bachfeld und in Stelzen durch, um nähere Angaben zu den Überlieferungen zu erhalten. Während sich alle Befragten scheuten, als Gewährsleute namentlich genannt zu werden, bestätigten sie mehrfach und übereinstimmend die Überlieferung, die von betenden Menschen an den Dockensteinen berichtete. Zu den Gewährsleuten zählte auch der vormalige Besitzer eines Grundstückes in unmittelbarer Nähe der Gruber Docke.

Menschen der verschiedensten Religionen verehrten schon zu allen Zeiten Orte, an denen sie geistigen Zuspruch, Erkenntnis und Hilfe erhofften.

Zum festen Bestandteil christlich religiösen Gebarens der Menschen im Mittelalter zählte u. a. das Unternehmen von Wallfahrten. Beim Aufsuchen von Gnadenorten fühlte man sich den höheren Mächten näher. Freiwillig auferlegte körperliche Strapazen während der Wallfahrt führten dabei zu einer gewissen Selbstfindung. Das Erkennen der eigenen physischen Grenzen - des Machbaren - ist dabei ein Akt, der die Ohnmacht des Vergänglichen aufzeigt und den nicht faßbaren geistigen Werten gegenübersteht. Es ist ein Akt der menschlichen Läuterung auf dem Weg des Glaubens, was sich nach außen hin im Gebet zeigt. Beten ist ein Zeichen der menschlichen Anerkenntnis Gottes.

Bei einer Wallfahrt wird sowohl während des Gehens als auch bei der Rast gebetet. Religiöse Male am Weg, ob Kreuz, Bildbaum, Kapelle oder Marter waren dabei bevorzugte Gebets- und Rastpunkte. Sie sind es heute noch, was an vielen Beispielen in Franken belegt werden kann. Auch in spätmittelalterlichen Bildzeugnissen sind bereits mehrfach Darstellungen mit betenden Menschen vor religiösen Flurmalen zu sehen, was sich in den Bildnissen der Barockzeit und der Romantik steigernd fortsetzt.

Übereinstimmend wird in den Dockenbeiträgen die Meinung vertreten, daß diese Steine einstmals an den vielbegangenen Wallfahrtswegen zum Marienwallfahrtsort Stelzen standen.

Einer Inschrift an der zu Ehren Mariens erbauten Kirche in Stelzen ist zu entnehmen, daß am Tage Walpurgis 1467 mit dem Bau dieser Kirche begonnen wurde. Vorgängerbau war vermutlich eine kleine Kapelle, worüber Aufzeichnungen aus dem Jahre 1753 berichten.[10] Über den großen Zuspruch dieser Wallfahrt, deren Ursprung vermutlich auf ein Brunnen-Wunder (Heilung von Gebrechen durch Berührung oder Trinken des Wassers) zurückzuführen ist, wird weiter berichtet : Von der Zeit an sey der Wunder-Brunnen und die Wallfarth zur Mutter Gottes anhero dermassen berühmt worden, daß Fürsten Grafen, Edelleut und ander Volck in so grosser Menge hierher gekommen, daß man manchen Tag derselben vier bis fünfhundert zehlen können. Weil aber das erste Capellgen zu klein werden wollen, so hätte man eine grösser bauen müssen ... .[11]

Es waren aber nicht nur die Wallfahrer, die an religiösen Malen in der Flur im Gebet verweilten und rasteten, sondern auch die ortsansässige Landbevölkerung. Heute noch ist in katholischen Gebieten Frankens unter den älteren Menschen die Beobachtung zu machen, daß der Landmann im Vorübergehen an einem religiösen Mal die Kopfbedeckung abnimmt und sich bekreuzigt. Manch einer verweilt im kurzen Gebet. Nachdem überliefert ist, daß Wallfahrer an den Dockensteinen beteten und rasteten, die Steine jedoch keine christliche Symbolik tragen, außer der Stelzener Docke mit einem im Jahre 1928 eingehauenen lateinischen Kreuz, darf man davon ausgehen, daß die dem Betrachter religiöse Inhalte vermittelnden Teile der Flurmale - die Aufsätze mit ihren Heiligenbildern oder Kreuzen - verloren gingen bzw. bewußt zerstört wurden. Dies wäre unter dem Einfluß der Reformation denkbar, könnte aber ebenso gut später erfolgt sein. Einen Nachweis über die Zerstörung und Ausrottung der religiösen Flurdenkmallandschaft in der Schweiz liefert Johannes Kessler in seinen Aufzeichnungen. Über das Jahr 1524 berichtet er:

Gleich darnach fieng man an älle bilder und bildstock, so hin und her uff den strassen, under den bommen, in den huseren uffgericht und angenagelt, zerrissen, abbrechen und zerstören.[12] Ähnliches könnte sich auch regional in Südthüringen zugetragen haben.

Die religiöse Flurdenkmallandschaft erfuhr durch die Gegenreformation in den katholischen Gegenden ein "Übermaß" an neuen Stiftungen und eine intensive Fortführung und Steigerung der "Gebetsverrichtung" . Als Beispiel sei aus dem Reisetagebuch des Hofmeisters Johann Michael Füssel zitiert (erschienen 1787 in Erlangen), das dieser schrieb, als er mit seinen markgräfischen Zöglingen den fränkischen Kreis und Maria Kulm im Egerland besuchte. Auf seiner Reise führte er Buch u. a. über die religiösen Denkmale am Wegesrand und berichtete sehr detailliert über betende Menschen an diesen Malen:

Bisher zählte ich von Eger an gerechnet, 24 Cruzifixsäulen, Marien- und Heiligenbilder und andere solch katholische Denksäulen. Wenn man eine Meile in die andere rechnet und mit einer Meile 12 Säulen zählt, so sind .... in Böhmen wenigstens 43632 solcher Säulen. Welch erstaunliche Menge... Man muß sich wundern, wenn man Katholiken vor einer leblosen Säule, vor einem Stück Holz oder Stein, mit größter Ehrfurcht niederfallen sieht. Man kann diesen Gottesdienst des Pöbels, von der Seite betrachtet, beinahe mit dem Heidenthum vergleichen. Wir begegneten Reisenden, die vor solchen Bildern, wenn sie gleich noch fern von ihnen waren, ihre Köpfe entblößten, vor ihnen wohl auch niederfielen, und vor lauter Eifer, ihren Rosenkranz abzubeten, uns gar nicht bemerkten.

Die genauen und sehr kritischen Beobachtungen berichten von betenden Menschen vor religiösen Flurmalen und hätten sicherlich nicht verschwiegen, wenn gleiches Brauchtum auch an rechtsarchäologischen Flurmalen ohne religiöse Signatur stattgefunden hätte. Dem Verfasser ist weiterhin keine einzige Quelle bekannt, wonach gläubige Menschen an Wegmalen ohne religiöse Inhalte beteten, wie zum Beispiel an Fraisch-, Jagd- und Grenzsteinen oder profanen Wegemarkierungen.

Nachdem die mündliche Überlieferung bei den Dockensteinen betende Menschen erwähnt, darf man davon ausgehen, daß einstmals an den Dockensteine religiöse Zeichen vorhanden waren. Es ist aus den angeführten Gründen deshalb naheliegend, die heute schmucklosen Dockensteine im weitesten Sinne als Fragmente von Bildstöcken anzusprechen, wobei der unbekannte Anlaß einer glaubensbezogenen Stiftung einen rechtsarchäologischen Stiftungszweck - etwa als Geleitsmarter, Sühnemarter oder Land- Burgfriedenssäule - grundsätzlich mit einschließt.


Bildnachweis:

Nr. 1: Stelzener Docke

Nr. 2: Gruber Docke bei Bachfeld

Nr. 3: Welchendorfer Docke

Nr. 4: Fragmente der Schalkauer Docke am Gutshof der Schaumburg

Nr. 5a/b: Bildstockfragmente aus Mittelfranken. Für die Zusendung der Fotos danke ich den Herren Johannes Gawronski, Uehlfeld und Werner A. Wiedemann, Nürnberg von der Deutschen Steinkreuzforschung

Bei den folgenden Abbildungen handelt es sich um Repros von Bildstöcken des 15./16. Jhs.. Exemplarisch soll hier dokumentiert werden, daß durch die Entfernung der Aufsätze (Tabernakel, Reliefs oder Kreuze) dockengleiche Gebilde entstehen.

Nr. 6: Das Kreuz "auf dem Gericht" bei Oberweis (Lkr. Bitburg/Rheinland-Pfalz) von 1499. (Foto: Rainer H. Schmeissner)

Nr. 7: Das "Prälatenkreuz" in Rakollach (Kärnten) von 1546 (Foto: Eduard Skudnigg)

Nr. 8: Bildstock von Groß-Weikersdorf, um 1500 (Niederösterreich)

Nr. 9: "Tabernakelbildstock" in Klein-Stetteldorf, 15. Jh. (Niederösterreich)



Quellennachweis:

[1] Plat, Emil: Was die alten Steinkreuze erzählen; in: Der Mainbote von Oberfranken 1934.

[2] Künstler, Richard, Dr.: Bildstöcke in Thüringen; in: Das Kleindenkmal, wissenschaftliche Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Denkmalforschung Jg. 3 / 1979.

[3] Stieler, Horst: Seltene Flurdenkmäler; in: Urgeschichte und Heimatforschung, Weimar 1985 Nr. 22.

[4] Stieler, Horst: Coburger Tagblatt Nr. 2 / 1990.

[5] Störzner, Frank: Steinkreuze in Thüringen; Katalog Bezirke Gera - Suhl; Weimar 1988.

[6] Hula, Franz: Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs; Verlag Helene Poech, Wien 1948, Bildtafeln Nr. 3 - 14.

[7] Rühl, Eduard, Dr.: Kulturkunde des Regnitztales; Frankenverlag Lorenz Spindler, Nürnberg 1966 (Nachdruck), S. 26 - 35.

[8] Graf, Roland: Die typologische Entwicklung der Martern und Bildstöcke im Landkreis Kronach; in: Geschichte am Obermain, Bd. 13 Jg. 1981/82, Colloquium Historicum Wirsbergense.

[9] Dünninger, Josef; Schemmel Bernhard: Bildstöcke und Martern in Franken; Stürtz Verlag Würzburg 1970.

[10] Krauß, Johannes Werner: Beyträge zur Erläuterung der Hochfürstlichen Sachsen - Hildburghäusischen Kirchen -, Schul - und Landeshistorie. Teil 3. Hildburghausen 1753.

[11] Für Literaturhinweise zur Stelzener Wallfahrt danke ich Herrn Thomas Schwämmlein, Sonneberg.

[12] Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte; herausgegeben v. Historischen Verein St. Gallen (1866).

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